Mal in die Praxis reinschnuppern

Kurz vor der Coronapandemie gab es die erste Möglichkeit für KV-Mitarbeitende, die Situation der Mitglieder in den Praxen kennenzulernen, Probleme und Sorgen hautnah mitzubekommen und Anregungen mit „nach Hause“ zu bringen. Diese Möglichkeit ging nun in die zweite Runde. ergo- Mitarbeiterin Eva Frien besuchte Dr. Dieter Heinold, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin in Freiburg.

Montagmorgen warten etwa vier Personen auf den Besuch beim Doc. Der hat sich für jeden der Hilfesuchenden ordentlich Zeit ge- nommen: 15 Minuten für Anamnese und körperliche Untersuchung. Neue Patienten nimmt er nur noch im Notfall auf – er ist Ende 60 und bereitet sich auf seinen Ruhestand vor. Viele der Leidenden kennt er schon seit Jahrzehnten, der Um- gang ist freundschaftlich. Man vertraut sich, ist miteinander älter geworden oder kennt sich vom Sport. Wie ein junger Volleyball- spieler, dessen Ringfinger seltsam geschwollen und abgewinkelt ist. Heinold schmunzelt: „Darin erkennt man den Volleyballspieler. Der renkt sich den Finger selbst wieder ein und tapt ihn dann, unternimmt also die Eigenversorgung. EinFußballer würde auf dem Spielfeld stehenbleiben und auf den Physiotherapeuten warten.“

Ein-Mann-Praxis

Die Praxis Dr. Heinold befindet sich in den Räumlichkeiten hinter den Heilquellen in Freiburg, wo außer ihm noch andere Sportärzte im MVZ tätig sind. Außerdem besteht die Möglichkeit zu röntgen, und es existiert eine physiotherapeutische Praxis. Dr. Heinold ist innerhalb dieses Hauses sozusagen eine Ein- Mann-Praxis. Die Frau an seiner Seite ist Praxisorganisatorin Martina Cook, verantwortlich für alles vomTelefontermin bis zum Aufziehen von Spritzen. Neu dabei ist Dr. Tanja Vetter, Fachärztin für phy- sikalische und Rehamedizin, die Ende des Jahres das Ruder in der Praxis übernimmt.

Die Leiden der Hilfesuchenden

Schulterluxation (13 Mal!), Meniskusprobleme, LWS, Achillessehne, künstliche Hüfte, alles, was es geben kann, wird behandelt und trotz 15-Minuten-Takt bleibt keine Zeit, mal zwischendurch Luft zu holen. Dr. Heinold stellt mich vor als Mit- arbeiterin der KV, die sehen will, wie es hier so läuft. Ich erlebe die Situation mal aus der anderen Perspektive: Die Patienten wollen, dass der Arzt die Beschwerden quasi wegzaubert, so schnell wie möglich. Denn wer in die Arztpraxis kommt, hat oft eine lange Leidens- geschichte hinter sich. Umgekehrt hat sich der Freiburger Sportorthopäde als Mannschaftsarzt der Volleyball-Nationalspieler international einen großen Namen gemacht; diePatienten und Patientinnen kommen von weit her. Der nächs- te Patient ist ein Profivolleyballer aus dem arabischen Raum, herge- flogen wegen eines Knieproblems. Heinold und Cook kümmern sich um das Rundum-Paket: Untersu- chung, Spritze, ein MRT, Physio- therapie. Hoffentlich hält das Knie dienächsten Spiele durch. Ein Ehe- paar kommt extra aus Westfalen, um sich bei Dr. Heinold behandeln zu lassen. Der kritisiert in diesem Zusammenhang das Abrechnungs- system: „Diese beiden kommen eine Woche lang jeden Tag; das ist finanziell ein Minusgeschäft, weil ich beim ersten Mal die Quartals- pauschale bekomme, beim zwei- ten Mal ist es die Wiedervorstel- lung und beim dritten bis fünften Mal kriege ich nichts mehr. Doch ich behandele die beiden trotzdem, da sie so viele verschiedene be- handlungsbedürftige Krankheits- bilder haben.“ Ziel ist es, bei den Patienten und Patientinnen Operationen, wenn möglich, zu vermeiden. Doch, so klagt Dr. Vetter: „Die konservativ tätigen Orthopäden sind sozusagen eine aussterbende Rasse. Wir Fachärzte für physikali- sche und rehabilitative Medizin helfen hier, mitzuversorgen und diese Lücke zu schließen, damit man den Betroffenen eine überflüssige OP ersparen kann, aber dafür müsste es von unserer Gattung mehr geben.“

Fazit

Beeindruckend zu sehen ist bei allen Ratsuchenden das große Vertrauen zu ihrem Arzt, das über Jahre gewachsen ist. Viele wollen Hei- nold nicht in den Ruhestand gehen lassen. Am Abend, beim Abschlussgespräch, gibt mir der Arzt mit, dass er neben der Kritik an der viel zu komplizierten Quartalsabrechnung auch ein Lob hat: Die Qualitätssicherung der KV sei gut und äußerst sinnvoll. Und wann, will erwissen, gibt es wieder eine Hospitation? Geplant ist es. Doch wenn Interes- se besteht, dann wird Dr. Vetter die Hospitanten empfangen.